16. März 2016 | Produkte

Migration: Aldi Süd nimmt auch Verpackung in die Pflicht

Aldi Süd will Mineralrückstände raus aus seinen Lebensmitteln
Auch Verpacker sind von der Forderung betroffen
Quelle: chl

Mineralölrückstände in Lebensmitteln ist ein Thema, das in besonderem Maße auch die Verpackungsindustrie betrifft. Natürlich gibt es sehr viele Möglichkeiten, die Nahrungsmittel mit Mineralölrückständen in Berührung bringen und dabei Migration von Stoffen verursachen. Die Verpackung ist da nur eine von vielen.

Der Discount-Gigant Aldi Süd hat nun die Hersteller seiner Eigenmarken aufgefordert, Mineralölrückstände aus den Lebensmitteln zu verbannen. In einem Schreiben an all seine Lieferanten vom 10. Februar, das Foodwatch zugespielt und auf der Website des Verbraucherschutzvereins veröffentlicht wurde, heißt es: „Aldi Süd hat das Ziel, dass bei den Eigenmarken des Food-Sortimentes keine Mineralölbestandteile im Lebensmittel nachweisbar sind. Aus diesem Grunde fordern wir Sie [die Hersteller der Eigenmarken, Anm. d. Red.] auf, Maßnahmen zu ergreifen, welche die Einhaltung dieser Vorgabe im Lebensmittel bis zum Ende des MHDs, bzw. bei frischem Obst und Gemüse bis zum erwarteten Zeitpunkt des Verzehrs, sicherstellen.“

Explizit nimmt Aldi Süd dabei auch die Verpackungen in die Pflicht. So heißt es weiter: „Die von Ihnen zu ergreifenden Maßnahmen beinhalten sowohl Ihre eigenen Produktionsprozesse als auch die Belastungssituation der Rohwaren sowie die Reduktionsmöglichkeiten durch den Einsatz geeigneter Verpackungen (...).“ 

Stellungnahme des Discounters

Unternehmenssprecherin Lina Unterbörsch bestätigt diese Aufforderung gegenüber der Verpackungs-Rundschau: „Es ist richtig, dass die Unternehmensgruppe Aldi Süd ihre Lieferanten angeschrieben hat und auf die Problematik von Mineralölrückständen in Lebensmitteln explizit hinweist.“

Aus der schriftlichen Stellungnahme ist ersichtlich, dass es sich bei der Initiative des Discounters um einen vorsorgenden Verbraucherschutz handelt, denn die Unternehmenssprecherin schreibt: „Auch wenn keine eindeutige Risikobewertung im Rahmen von Studien möglich ist und auch gesetzlich keine Grenzwerte in Lebensmitteln vorgeschrieben sind, möchte Aldi Süd bei diesem Thema daher die Initiative ergreifen.“

Dabei vermeidet der Verkaufsriese Schuldzuweisungen an eine bestimme beteiligte Branche: „Wir möchten (...) betonen, dass der Eintrag von Mineralöl nicht nur ein Problem der Verpackungen darstellt. Die Bestandteile können entlang der gesamten Produktionskette in Lebensmittel gelangen, so zum Beispiel während des Anbaus, während der Ernte, der Lagerung oder der Produktion. Wir verfolgen daher den Ansatz einer ganzheitlichen Betrachtung. Dies erfordert von unseren Lieferanten je nach Produkt eine intensive Beschäftigung auch mit allen Vorstufen der Lebensmittelherstellung. Wir haben das Ziel, dass künftig keine Mineralölbestandteile mehr in Lebensmitteln nachweisbar sind und alle relevanten Lieferanten aufgefordert, entsprechende Lösungsansätze zu erarbeiten.“

Gesättigte Mineralölkohlenwasserstoffe (MOSH – Mineral Oil Saturated Hydrocarbons) sowie aromatische Mineralölkohlenwasserstoffe (MOAH – Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons) werden leicht aus Lebensmitteln in den Körper aufgenommen. Für MOSH ist - laut Studien des Bundesinstitut für Risikoforschung - keine Risikoabschätzung möglich. Für die Mineralölkohlenwasserstoffe besteht zwar ein Verdacht, krebserregend zu sein, einen Nachweis gibt es dafür aber nicht.

Falsche Befunde

Wenig erfreut hat inzwischen der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde BLL als Lobbyverband der Lebensmittelindustrie auf Aldi Süds freundliche, aber auch unmissverständliche Aufforderung reagiert. Unter anderem weist der Verband auf Fehlerquellen beim Messen von eventuellen Rückständen hin. In einem Schreiben an den Discounter heißt es: „Die Messunsicherheiten [beim Messen von Mineralölrückständen, Anm. Red.] werden verstärkt durch Substanzen wie Paraffine oder Kunststoff-Komponenten, die in Lebensmitteln und Verpackungen absichtlich vorkommen und als Mineralölfraktionen erfasst werden. Derartige ‚Falsch-Positiv-Befunde’ in Verbindung mit der Tatsache, dass bei vielen Rohstoffen prozessbedingt Mineralölspuren unvermeidbar sind, führen leicht zu Fehlschlüssen und ungerechtfertigten Reaktionen.“

Aldi Süd will Mineralöl also raus aus den Produkten, zu 100 Prozent, egal, wie sie reingekommen sind, der BLL sagt: Das geht so gar nicht. In einem Absatz, der sich ausschließlich Verpackungen widmet, regt der Verband an: „Der Gesetzgeber hat im Juni 2014 ein Konzept vorgeschlagen, um Richtwerte (...) in papierverpackten Lebensmitteln einzuführen, die sowohl am Verbraucherschutzziel als auch an der technischen Machbarkeit (...) orientiert sind. (...) Diese Vorschläge (...) sind nicht verbindlich, bieten sich aber als Grundlage für Spezifikationen in der Lieferkette an.“ Die vorgeschlagenen Werte sind 2 mg/kg MOSH und 0,05 mg/kg MOAH.

Weitere Informationen:

  • Das Schreiben von Aldi Süd (als PDF bei Foodwatch): http://t1p.de/aldiaufforderung;
  • Die Stellungnahme des BLL (als PDF bei Foodwatch): http://t1p.de/BLLstellungnahme;
  • Artikelserie der Verpackungs-Rundschau „10 Dinge, die Sie über Migration von Substanzen wissen sollten: http://t1p.de/10Dinge1, http://t1p.de/10Dinge2 und http://t1p.de/10Dinge3.

 

chl

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