14. April 2018 | Veranstaltungen

Benötigt die Verpackung heute noch Normung?

Das DIN feierte 2017 in Berlin den 100. Geburtstag. 2018 folgte der Normenausschuss Verpackungswesen mit dem 70jährigen Bestehen nach, das er in Leipzig an seinem Gründungsort beging. Heute ist der NAVp für die Normung von Verpackungen, Behältern sowie Ladeeinheiten zuständig und koordiniert die deutsche Mitarbeit in der europäischen und internationalen Normung.
70 Jahre DIN-Normenausschuss Verpackungswesen
DIN Logo
Quelle: HTWK Leipzig

Anlässlich eines solchen Jubiläums kann man durchaus die Frage stellen, wie zeitgemäß die Normung ist und welche Aufgaben sich für die Zukunft stellen. Nur wenige werden im Alltag über Normung nachdenken, wenn sie Verpackungen in der Hand halten, die dem Regal exakt angepasst sind oder beim Kauf ihrer Schuhe von einer genormten Größe ausgehen können. Oder sich in der Bäckerei oder beim Fleischer auf funktionierende Hygienestandards verlassen.

Aber Normen haben einen erheblichen Anteil am geregelten Ablauf von national und international in allen Lebensbereichen etablierten Prozessen. Allein in Deutschland gab das DIN knapp 34.000 Normen heraus, d.h. mit rund 450 Beschäftigten werden jährlich mehr als 2000 neue und überarbeitete Normen veröffentlicht und veraltete abgeschafft. Etwa ein Drittel der in Europa geltenden Normen entstehen nach Aussage des DIN unter deutscher Sekretariatsführung, an denen über 32.000 Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft, Behörden und Verbraucherorganisationen mitwirken.

Die Rolle der Verpackungsnormung

70 Jahre DIN-Normenausschuss Verpackungswesen
Teilnehmer der Festveranstaltung
Quelle: HTWK Leipzig

Auch die Verpackungsnormung beeinflusst maßgeblich die Prozesse in Industrie, Handel und Logistik. Aufgrund der schnellen Entwicklung aller Bereiche unterliegen die vorhandenen Normen einer ständigen Anpassung an den Stand der Technik. Innovationen entstehen ununterbrochen und in immer kürzerer Zeit. Der Erfolg einer innovativen Idee hängt oft davon ab, wie schnell sie den Markt erreicht und verbreitet wird. Dabei gilt: "Wer die Standards setzt, gewinnt den Markt!" Da der Normungsprozess gegenwärtig noch viel zu langwierig ist, müssen Normen künftig bedeutend schneller fertig gestellt werden.

Ein weiterer Aspekt ist, dass viele Normen einen Bezug zur Rechtsetzung haben, sodass neben der Aktualisierung technischer Sachverhalte bei der Überarbeitung von Normen auch geänderte Verordnungen und Richtlinien zu berücksichtigen sind. Einen Eindruck vom heutigen Stellenwert der Normung und dem langen Weg, den der Normenausschuss Verpackungswesen (NAVp) bisher zurückgelegt hat, vermittelte die diesjährige Jubiläumsveranstaltung am 6. März. Exakt 70 Jahre und zwei Tage nach der Gründung des Arbeitsgremiums in Leipzig war die dortige HTWK Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur mit einem eindrucksvollen Programm Gastgeber für die Mitarbeiter und Gäste des NAVp.

Rück- und Ausblicke im Rahmen der Festveranstaltung

70 Jahre DIN-Normenausschuss Verpackungswesen
Dr. Albert Hövel, DIN (links) und Prof. Kulisch, HTWK (rechts)
Quelle: HTWK Leipzig

Nach der Begrüßung durch den Dekan der Fakultät Medien der HTWK, Prof. Dr.-Ing. Uwe Kulisch, und durch Dr. Albert Hövel von der DIN-Geschäftsleitung zeigte der Vortrag von Dr. Margit Heinrich (DIN) zur historischen Entwicklung der Verpackungsnormung auf, dass zu Beginn die Verpackungsnormung hauptsächlich den Lebensmittelverpackungen galt und dementsprechend im Fachnormenausschuss (FNA) Landwirtschaft angesiedelt war.

Mühsam lief die Arbeit nach dem II. Weltkrieg wieder an allerdings nunmehr mit dem 1948 gegründeten eigenen FNA Verpackung und musste im geteilten Deutschland mit zwei unterschiedlichen Normungsinstitutionen fortgesetzt werden. Erst 1975 wurde ein Vertrag zur Regelung der für Deutschland geltenden zweiseitigen Beziehungen auf dem Normungsgebiet unterzeichnet, der bis zur Wiedervereinigung galt.

70 Jahre DIN-Normenausschuss Verpackungswesen
Prof. Dr. Horst-Christian Langowski
Quelle: HTWK Leipzig
Der nächste Vortrag von Prof. Dr. Horst-Christian Langowski (Fraunhofer IVV) hatte im Gegensatz zur Historie die Verpackung der Zukunft im Blick. Er erläuterte anschaulich, welche Anforderungen an aktive und intelligente Verpackungen für Lebensmittel gestellt werden, welche Materialkombinationen sorgfältig erprobt werden müssen und wie zahlreich die bisher oft nicht exakt bestimmbaren Einflussfaktoren aus der Umgebung sind. Auch die Problematik des geforderten leichteren Öffnens von Verpackungen als Gratwanderung zwischen der Gefahr, die Öffnungskraft zu gering oder zu stark festzulegen, ist ebenso wie die Ressourceneffizienz und die Recyclingfähigkeit der Packstoffe ein wesentlicher Forschungsschwerpunkt der Fraunhofer Spezialisten.
70 Jahre DIN-Normenausschuss Verpackungswesen
Dr. Ziegahn KIT
Quelle: HTWK Leipzig

Simon Lober (HTWK) widmete sich dem Digitaldruck als einem zukunftsweisenden Verfahren für den Verpackungsdruck. Dr. Karl-Friedrich Ziegahn (KIT) brachte mit seinem Beitrag "Nachhaltigkeit im Verpackungswesen" in die hochaktuelle Debatte um Nachhaltigkeit und Ressourcenverbrauch auf dem Gebiet der Verpackung die Aspekte von wirtschaftlichem Wohlstand, Umweltvorsorge und sozialer Gerechtigkeit ein, zwischen denen auch bei der Festlegung von Normen ein beständiger Ausgleich gesucht werden muss.

Die Verbindungen zwischen der Verpackungsnormung, der Digitalisierung und logistischen Prozessen stellte Dr. Volker Lange (Fraunhofer IML) mit dem Vortrag "Die Verpackung im Fokus der Digitalisierung und Logistik der Zukunft" her, den er mit Videoeinspielungen von den Experimenten des IML untermauerte. Bereits heute würde es ohne internationale Normen zu gravierenden Einschränkungen im globalen Warenverkehr kommen.

Nach der Meinung des Referenten wird der Stellenwert von Verpackungen und Ladeeinheiten weiter wachsen. So wie Normen zu Zeiten der Industrialisierung Standards im Handel und in der Produktion setzten, sind sie heute unabdingbar, um die Herausforderungen von Digitalisierung und Industrie 4.0 zu meistern. Intelligente Verpackungen werden nach festgelegten Normen mit Behältern, Regalen, Fahrzeugen und Staplern vernetzbar sein, ihre Ladung zusammenstellen, das logistische Netz planen und steuern. Paletten und Verpackungen dienen der Identifikation, Zustandserkennung, Lokalisierung der Ware, der Kommunikation, Vernetzung, Autonomie.

Vor der abschließenden Diskussion stellte Jörg Kuhlmann (pacproject GmbH) mit "Save Food" die Verpackung als Ressourcenschützer in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Dabei stellte er fest, dass die Verpackung neben der Aufgabe, Produkte zu schützen, wie es die Save Food Initiative fordert, künftig noch weitergehende Funktionen übernehmen wird, indem sie die Haltbarkeit der Lebensmittel überwacht, Umweltbedingungen prüft und Schäden signalisiert. So schloss sich der Kreis von dem Eingangsvortrag "Verpackung der Zukunft" bis zur Verpackung als Bestandteil der weltweiten Ressourcenschutzinitiative, die nur mit dem Bindeglied der Normung funktionieren können.

Info

Künftige Aufgaben des NAVp (nach Dr. A. Hövel, DIN):
Die zunehmende Vernetzung der Welt bringt eine Fülle neuer Aufgaben, die sich nur mit globaler Weitsicht im Interesse aller lösen lassen. Die Digitalisierung vieler Lebensbereiche stellt uns vor neue Aufgaben, und sie erfordert Normen und Standards, die durch branchenübergreifende Zusammenarbeit geschaffen werden müssen. Aufgaben können nicht mehr trennscharf zugeordnet und von einer Organisation allein gemeistert werden, sondern sie entstehen in Foren und Konsortien, die ihrerseits eigene Standards setzen. Das DIN muss noch stärker kundenorientiert arbeiten, Beratung anbieten und mit Verbänden und anderen Regelsetzern im Netzwerk kooperieren.

Von Dr. Monika Kaßmann

nach oben drucken RSS-Feed