01. März 2019 | Verpackungstechnik

In der Kulisse

22,5 Jahre schweißen zusammen...

Wie so viele gehöre ich auch zu „dem Interpack“. Und um es ganz ehrlich zu sagen: Ich bin ziemlich stolz darauf, mit fast der gesamten Branche und noch vielen, vielen mehr zu dieser Verpackungsindustrie zu gehören. Jetzt schon über 22 Jahre für den 60er-Jubilar Verpackungs-Rundschau (eine Zusammenfassung zum 60. Geburtstag der VR in 2009. Das beste aus 70 Jahren VerpackungsRundschau gibt es wiederum hier).

VR Ausgabe 1958
Quelle: VerpackungsRundschau

An dieser Stelle sei es dem aktuellen VR-Chefredakteur erlaubt, sehr, sehr subjektive Dinge über die Verpackung zu berichten, dazu auch ein bisschen Persönliches, nachdem sich der Herausgeber und Verleger der VR, Eckhart Thomas, wie immer an eine Vereinbarung gehalten hat: Über lebende Chefredakteure und Altvordere des Teams nicht zu schreiben!

Den ersten Kontakt mit der Branche bekam ich Ende 1986 zu keinem Geringeren als dem damaligen Jagenberg-Konzern (u. a. PKL, Gasti, Benhil), ein Unternehmen der Rheinmetall. Der damalige Chefredakteur, mein Vorgänger Friedhelm Heydorn, hatte den Kontakt hergestellt. Mein erstes Thema lautete – und es fiel mir als gelerntem Molker und Molkereiingenieur nicht schwer – das aseptische Verpacken stückiger Produkte in Getränkekartonverbund. Ziel waren alle Produkte flüssiger Lebensmittel mit größeren Stücken über 1 cm Kantenlänge, also etwa Gulasch, Pilze, Tomaten, Obst usw., die natürlich auch durch alle Füllrohre und Siegelbacken der Abfüllmaschinen sollten und mussten.

Und ohne etwas dazu zu können, war ich mitten drin im dicksten Verpackungs-, Abfüllmaschinenund Packstoffgeschäft, mit Unternehmen und Einrichtungen und vor allen Dingen Einblicken, die mich nie wieder loslassen würden und die im Prinzip auch die nächsten 20 Jahre geprägt haben: u.a. Tetra Pak, PKL Combibloc/heutige SIG Combibloc, Elopak, Serac, Bosch, Krones und KHS. Dazu die Forschung mit dem jahrzehntelangen VR-Partner Fraunhofer IVV in München, heute in Freising. 17 Druckseiten durfte der Artikel, damals schon in der Rubrik „Im Blickfeld“, lang sein! Heute fast nicht mehr vorstellbar, die Medienforscher sagen, solche „langen Dinger liest heute kein Mensch mehr!“

Nachdem mit diesem ersten Beitrag die Basis gelegt war, ließen mich Verlag und F. Heydorn gleich in 1987 auf die für mich erste interpack los. Schwärmen  gehörte auch damals schon dazu, angeblich war die vorige, also 1984er interpack, die beste aller Zeiten. Viele schwärmen auch heute noch von Aufbau und Struktur des dazugehörigen Messekataloges, an dem man gut (fast) die ganze Branche aufdröseln kann. Absolut faszinierend die Messestände in Düsseldorf, absolut faszinierend auch die Bandbreite der Materialien, Maschinen und Anlagen. Und auch dort gelangen erste Kontakte zu Unternehmen, die heute noch andauern.

Klar war, dass ein richtiger Verkaufsleiter auf dem Stand bei Gerhard Schubert Verpackungsmaschinen einem Redakteur sofort die Details einer Pralinenpackstraße zeigen würde. Nicht selbstverständlich war, dass die gleichen Fachleute mit Engagement und Wissen auch Schülern die Anlagen zeigten. Auf späteren Messen habe ich das bei Schubert immer wieder gesehen, sogar eine Polizeistreife bekam Anschauungsunterricht direkt an einer Hightech-Pickerlinie.

Die Kollegen der Sigpack, 1987 noch zur SIG gehörend, nicht wie heute (Anm. d. Red.: 2009) zu Bosch, setzten damals schon auf große Hausmessen. Dort wurde alles aufgefahren, was die Schweizer an Maschinenequipment zu bieten hatten. Bestens verknüpft mit den Packstoffanbietern, konnte man zum Beispiel in Beringen schnelle Wickelmaschinen für Riegel sehen.

Die gleich mit dem neuen Zaubermaterial der Süßwaren verpackt wurden, dem mit Macht seit 1980 in den Markt drängenden OPP der US-Amerikaner von Mobil Oil. Mobil sagte damals unverblümt, „wir werden den Markt aufrollen“, und so ist es auch geschehen. Bis man dann ab Ende 2005 etwas leiser wurde und größer restrukturieren musste.

VR Ausgabe 1978
Quelle: VerpackungsRundschau

Maschinen dominant

Die Kollegen Maschinenbauer waren immer schon zahlreich vertreten, natürlich die beeindruckenden Anlagen der Klöckner, heute unter dem Dach der Körber-Gruppe und unter dem CEO Gerhard Breu ist die Verpackungsgruppe Medipak, mit MediSeal, Rondo und Dividella zu einem schmucken und schlagkräftigen Anbieter geworden, zuletzt 110 Mio. Euro Umsatz.

Gleiches gilt für Bosch, die zulegten und zulegten, bis sie weltweit der größte Anbieter von Verpackungsmaschinen geworden sind, Bosch wird zur Achema rund 700 Mio. Euro Umsatz für 2008 melden mit rund 4650 Mitarbeitern weltweit. Und seit dem 2. April ‘09 heißen auch alle Gruppenmitglieder endlich Bosch Packaging Technology.

Natürlich kam man viel mit Uhlmann in Berührung, ein Pharma-Maschinenspezialist mit heute ca. 164 Mio. Euro Umsatz, bei denen im Werk man schon vor 15 Jahren in ganz anderen Welten weilen konnte. Eine klar strukturierte Produktion, farblich markiert und separat aufgegliedert zwischen Metallbearbeitung mit hochmodernen CNC-Werkzeugmaschinen und der Endmontage feiner Blisteranlagen. Dazu kam, das Hobby der Uhlmann-Inhaberfamilie, seit Mitte der 90er-Jahre schon ein außergewöhnlich gestaltetes Verwaltungsgebäude. Offen, mit Freizeit- und Cafeteria-Plätzen mit durchbrochenen Decken und Kunst, Kunst, Kunst.

Gleichzeitig lernte man bei Übernachtungen in Laupheim den legendären Ruf des leider früh, 1994 mit 59 Jahren, verstorbenen Friedrich Uhlmann kennen, der ein ganz außergewöhnlicher, feiner Mensch und Unternehmer gewesen sein muss. Die Situationen erlebt man übrigens oft, wenn man in der Branche unterwegs ist. Egal, ob großes oder kleines Verpackungsunternehmen, schon Außenstehende berichten voller Anerkennung über Unternehmer und Firmen der Region.

Mega-spannende und überraschende Einblicke bei unseren Reportagen. Auch kleine Unternehmen, die sich der Presse gegenüber zuerst nur ganz leicht öffnen wollten, entpuppten sich als wahre Schmuckstücke mit einer hypermodernen Ausstattung, tollem Personal und tollen Produkten. Sehr oft Weltmarktführer, darunter auch echte Hidden-Champions. 

VR Ausgabe 1969
Quelle: VerpackungsRundschau

Folterinstrumente!

Neben den immer wieder faszinierenden Maschinen war natürlich die Vielfalt und Kombinierbarkeit moderner Packstoffe und Packmittel von großem Interesse für die VR. 1987 schon, nicht nur auf interpacks, sah man Folienkombinationen mit 100-fachen Lagen, Hologramme mit absoluter Tiefenwirkung. Übrigens konnte man einst bei Topac/Bertelsmann in Gütersloh im Holo-3D-Labor einem Thomas Middelhoff persönlich die Hand schütteln, der damals dort Abteilungsleiter war.

Kunststoffe waren zu diesen Zeiten in allen Farben auf dem Vormarsch, Kunststofftragetaschen wurden immer schöner, weil der Flexodruck immer besser wurde. Die Glasflasche war noch ganz dick da, die Metallgetränkedosen auch. Kurioses konnten wir allerdings bei der Abstimmung eines Artikels über Getränkedosen erleben: Ein hochrangiger Stahlmanager sprach sich mit der Aluindustrie und der Kunststoffindustrie ab, welche Systeme und Stückzahlen es denn so in Europa und weltweit geben durfte, denn praktischerweise waren ja überall Weißblechdeckel drauf. Schummeln zwecklos! Der VR-Artikel dazu blieb beharrlich im Konjunktiv.

Denn ab 1987 war es schon in aller Munde und der Verlag griff das Thema natürlich sofort als einer der Ersten auf: Umwelt! Die VR traute sich, in 1988 einen Kongress in Angriff zu nehmen, der unter dem Motto „Verpackung und Umwelt“ laufen sollte. Damals fast ungebührlich diese Kombination, denn natürlich schütze die Verpackung die wertvollen Produkte und dafür müsse man die Entsorgung über den Hausmüll in Kauf nehmen. So war, freundlich formuliert, die allein gültige, gepflegte Branchenmeinung. Und, ob denn die VR unbedingt Umwelt und Verpackung koppeln müsste? Wir mussten!

Der 1. internationale Verpackungskongress der Verpackungs-Rundschau fand in Baden-Baden statt. Einige Beobachter von großen Verpackungskonzernen waren schüchtern lediglich als Besucher angemeldet, um „Himmels willen bloß nicht als Referent oder als Aussteller offen auftreten“. Der 1. Umweltminister Baden-Württembergs, Dr. Erwin Vetter, meldete sich sogleich als Referent an und für einige nachfolgende Kongresse gleich mit, denn hier wollte er mit der Branche über kommende Gesetze, Quoten, Entsorgungspreise und Entsorgungspfade sprechen.

Die Branche konnte die angedrohten Preise für eine Tonne Abfall lange nicht glauben. Mangels Deponien in der Republik sei es Zeit, am Beispiel des „Prügelknaben Verpackung“ zu Verordnungen zu greifen. Umweltminister Klaus Töpfer sagte damals gerne, wir „müssen der Verpackung die Folterinstrumente zeigen, der Hersteller muss Verantwortung für sein Produkt bis hin zur Entsorgung tragen“. Die Automobilindustrie konnte das damals auch nicht, aber der Brocken wäre wohl für Bonn zu groß gewesen!

Minister Töpfer sprang dann bald danach in den Rhein, allerdings im Taucheranzug. Sein Ministerium erbte die spätere Bundeskanzlerin Angela Merkel und hatte zunächst große Schwierigkeiten alle relevanten Verordnungsdaten zu bewerkstelligen. Sie sprang nicht in den Rhein, war aber öfter in Schächten zur Atommüllentsorgung zu sehen als in Verpackungsbetrieben.

VR Ausgabe 09/1991
Quelle: VerpackungsRundschau

„... ausschließlich stofflich ...“

1991 war es so weit, die Verpackungs-Verordnung, gerne VerpackVO genannt, später auf VerpackV korrigiert, wurde im April verabschiedet. Für den Zeitzeugen in einem Bonner Hotel ein beeindruckendes Erlebnis: Aufgeregt trippelnde und murmelnde Manager und Verbandsfürsten der Kunststoff-, Glas- und Papierindustrie sowie zahlreiche Handelsmanager und wichtige Beamte lauschten der Präsentation.

Bei dem Kernsatz der Verordnung, gebrauchte Verpackungen seien „ausschließlich stofflich zu verwerten“ blankes Entsetzen und ungläubiges Staunen bei fast allen Anwesenden. Außer vielleicht der Glasindustrie, die seit 1974 bestens mit Recycling arbeitete, und in Teilen der Papierindustrie. Bezeichnend aber auch, dass es große Packstoffverbände waren, die bis kurz vor Toreschluss noch keinen blassen Schimmer von der kommenden VerpackV hatten.

Fachjournalisten halfen gerne bei der Einweisung. Denn der grüne Punkt und Resy waren die Antwort der Industrie und des Handels, um der Rücknahme gebrauchter Verpackungen im Laden zu entgehen. Und als man schnell merkte, dass eine 3er-Kombo in der Geschäftsführung für ein flächendeckendes Entsorgungssystem nicht ausreichend war, kam die Duales System Deutschland AG zu ihrem wahrlich umwälzenden, kometenhaften Einstieg und Aufstieg bis hin in jeden Haushalt, vor jede Haustür und auf fast jede Verpackung.

Zehn Milliarden DM soll die Erstinstallation damals gekostet haben, in Mülltonnen und gelbe Säcke, in spezielle Fahrzeuge, in Sortier- und Verwertungsanlagen. Eine ganze Branche wurde damals gegründet oder doch ziemlich aufpoliert: Ich entsinne mich gut an die kleinen Kunststoffrecycler und Schrotthändler, die zusammen mit der VR in Krefeld beim FKuR Forschungsinstitut Kunststoffrecycling mitmachen wollten.

Bald darauf waren aus Opel und VW dicke Limousinen geworden, bald darauf waren Entsorgungsunternehmen in Milliardenumsätzen entstanden. Minister Töpfer bekam zu der Zeit natürlich Standing Ovations vor neuen Entsorgungsmessen und galt als Schöpfer einer weltweit tätigen Industrie. Erfunden wurden Zyklon- und Wasserabscheider, Dichtetrenner, Magnetbänder, Abluftentsorgungssysteme u. v. a. m.

Kapazitäten zu Müllwerkern

Die damaligen wissenschaftlichen Kapazitäten mutierten zu Müllexperten, die VR in ihrer Berichterstattung natürlich auch. Wir kletterten in jedes Müllheizkraftwerk und später auch um jeden Drehrohrofen der Zementwerke, um der Verpackung bis zum Ende zu folgen. Wir haben aber auch jede Schallschutzwand und jede Parkbank aus K-Recyclat vermessen. Dr. Gerhard Schricker, Fraunhofer IVV, redigierte schon lange für die VR die TWB –TechnischWissenschaftliche Beilage, war ein seriöser Verpackungsverteidiger auf allen Abfallkongressen in Deutschland.

Prof. Dr. Norbert Buchner wog und zählte, mehr oder weniger verzweifelt, alle Folienreste und gebrauchten Joghurtbecher. Statt seiner exzellenten Arbeit in der Bosch-Forschung nachzugehen. Wir haben in der VR liebend gern über seine Bosch-Glas-Aseptik für Babykost berichtet und natürlich auch über revolutionäre Kaffeeverpackungen, die Buchner vom Materialaufbau her oder auch mit Ventilen ausrüstete.

Glänzende Forscher und Technologen, quasi in Abfallströmen gefangen. Im besten Fall wurde man Kommentator eines der zahlreichen Werke, die die VerpackV kommentierten. Dr.-Ing. Wolfgang Holley, als IVV-Chef auch ein ständiger Begleiter der VR, war es dann, der die Ehre hatte, mit wissenschaftlichen Prognosen die Öko-Bilanzen konkurrierender Systeme zu berechnen und für Umweltbundesamt und -ministerium aufzubereiten.

Die Öffentlichkeit wollte Schwarz oder Weiß, wollte gut zur Umwelt oder schlecht, Holley lieferte es aber nicht, denn er kannte die Branche und beurteilte Verpackungssysteme streng nach ihrem Einsatzgebiet.

Als Verpackungsjournalisten verbrachten wir zu dieser Zeit mehrere Wochen in fast allen skandinavischen Wäldern, um Zellstoff, Papier, Karton von der Wiege an zu begleiten. Wir zerpflückten bei Tetra Pak Getränkekartonverbund zu Notizbrettern, Möbeln und Schuheinlagen. Aber Tetra schaffte es nicht nur so über Jahre hinweg, den ökologischen Status seines Packstoffes bis hin nach Brüssel zu sichern.

Belohnt wurden sie mit dem „ökologisch vorteilhaften Material“, dass sie später aus mancher Getränkeklemme bringen sollte. Einhergehend mit den weltweit boomenden CO2-haltigen Erfrischungsgetränken erlaubten sich die Hochheimer aber dann doch einen Flop: Mitte 1995 klang schon an, das sich Tetra Pak International und natürlich auch die deutsche Tochter in Hochheim für PET-Kunststoffbehältnisse und sogar für Mehrweg interessierte. Der damalige Deutschland-Chef Wolfgang Blumberg scheiterte aber grandios mit seiner Idee, ein eigenes Kunststoffflaschensystem einzuführen.

Unkaputtbar

Denn 1996 war schon lange klar, dass weltweit mit CO2-haltigen Erfrischungsgetränken viel Geschäft zu generieren ist, gerne auch in damals unüblichen Volumina 1 l, 1,5 l oder 2 l und 3 l, die mit PET tragbar wurden. Mit konkreten Shelf-life-Anforderungen der Coca-Colas und Pepsis; diese geforderte Sperre für CO2 hat aber der Getränkeverbundkarton nicht.

Tetra Pak International, Umsatz 2008 8,8 Mrd. Euro, war seit 1991 ein noch stärkerer Verpackungs- und mit Tetra Laval ein ganz starker Lebensmittel-Prozesstechnik-Riese. 2003 holte sich die Gruppe schließlich die französische Sidel mit ihren Kunststoffaktivitäten und ganz wichtig, deren PET-Beschichtungsverfahren Actis. In diesem Reigen mischten natürlich die deutsche Krones AG und KHS/Klöckner-Werke kräftig mit. Sie dominierten mit ihren Themen Aseptik, ganz schnelle Füller bis 80 000 Flaschen/h und schließlich PET in allen Varianten die tägliche Berichterstattung, auch Bier in PET!Hierzu müsste es aber zusätzlich noch eine perfekte Sauerstoffbarriere haben.

Viele Themen stehen heute noch an, auch wenn die Getränkeverpackungsbranche gerade ganz schwer durchatmet. Das „unkaputtbare“ PET hat weltweit die Glasflasche für Getränke fast pulverisiert. Begleitend zur Umweltthematik besetzten die deutschen Anbieter und vor allen Dingen die deutschen Konsumenten liebend gerne das Thema „bioabbaubar“, ob es nun Sinn macht oder nicht!

1990 zur interpack hatte ein Blisterspezialist schon feinere Biopol-Verpackungen auf seinem Messestand, als die britische ICI als Granulatanbieter mit ihrem ersten Kunden Wella und deren Shampooflasche. Biopol basiert auf Zuckerbasis und wird in der Erde von Bodenbakterien wieder abgebaut. In dieser ersten Biophase gab es aber bald auch essbare Blister für Tengelmann, Popcorn als Loose-Fill, Stärkeverpackungen für Pharmatrays usw.

Bis heute hat das Thema die Branche nie losgelassen. Ebenso das Ablehnen von PVC-Produkten für Verpackungen, trotz aller Kampagnen, die von der Industrie gefahren wurden. Und trotz der Verarbeitbarkeit von PVC, die viele hinter der Hand würdigten. Aber politisch war das Thema einfach tot!

VR Ausgabe 1996
Quelle: VerpackungsRundschau

Ansprechpartner gesucht

Die Politik suchte in der großen Aufregung rund um die VerpackV im Prinzip Ansprechpartner in den Industrien, um die Verwertungswege Packstoff für Packstoff abzuklären. Die Kunststoffindustrie stand 1991 quasi mit leeren Händen da, denn sie konnte nicht „stofflich verwerten“, sie war nicht darauf eingerichtet. Vorstände bei Bayer sagten damals bei Pressekonferenzen in Leverkusen halblaut, zum Glück habe man nicht viele Verpackungskunststoffe.

Die BASF wollte ernsthaft eine K-Verflüssigungsanlage für 300 Mio. DM bauen, zog aber zurück, als sie von der Politik keine Zukunftsgarantien bekam. „Den“  Ansprechpartner Verpackungsindustrie gab es nie. Bonn wäre damals ein Ansprechpartner für alle Verpackungssysteme oder alle Packstoffe willkommen gewesen, der zum Umweltminister gesagt hätte: Ich habe alle Packmittel, ich kann alle zurücknehmen und entsorgen, ich kann alle Verwertungswege aufzeigen und ausführen.

Der potenziellste Kandidat wäre die Viag gewesen, einst mit rund 6 Mrd. DM der größte deutsche Verpackungskonzern. Unternehmen wie VAW, Gerresheimer Glas, Bramlage, Schmalbach-Lubeca, Bebo, Continental Can gehörten dazu. Man deckte Alu und Flexibel ab, hatte Getränkedosen, Aerosoldosen und Verschlüsse, hatte Glas- und PET-Flaschen, andere Kunststoffbehältnisse und Menüschalen. Ja, man verfügte sogar über eine große Aluminiumschmelze in Kanada.

Aber der damalige CEO Dr. Alfred Pfeiffer sah seinen Konzern nie als Entsorger, die VR hat ihn mehrmals persönlich danach gefragt. Er sah seine Rolle nicht darin, der Politik als Verpackungsmulti Entsorgungspfade aufzuzeigen. Obwohl die Viag unter Pfeiffer eine mächtige Lobbyarbeit für fast alle Packmittel insbesondere Getränkeverpackungssysteme machte (außer Kartonverbund) mit der „Ökologischen Studiengesellschaft“, die zunächst in diesen Zeiten die AGVU an den Rand drängte.

Als Verpackungs-, Handels- und Mischkonzern ging die Viag dann lieber eine Ehe mit dem Bayernwerk ein und wurde letztlich ohne alle Verpackungen zu Eon. Die VR hat alle diese Entwicklungen aufgezeigt und immer wieder begleitet, seit 2001 auch gerne erweitert um das Thema Bionik mit ganzen Artikelserien.

Die interpack bot 2005 das Thema „Bioplastics“ in einer Sonderschau zum ersten Mal an, ebenfalls erfolgreich. Die Messe Nürnberg veranstaltet mit ihrer BioFach eine sehr erfolgreiche Messe ebenfalls inkl.  Verpackung (siehe S. 99 ff. dieser Ausgabe), mittlerweile weltweit.

Papier und Kartonprodukte, inklusive des Recyclingmusterknaben Wellpappe, gingen nie so richtig zum Angriff über. Auch als Kunststoffe zum Stichtag VerpackV mit komplett leeren Händen dastanden, hörte man vom Papier keinen aggressiven Ton. Papiere brachten aber die mit Zusatzfarbe gefärbten, heute noch braunen Filtertüten, brachten Recyclingpapiere nicht nur bei Toilettenpapier. Die Unternehmen dazu sind mittlerweile schon in einer zweiten Restrukturierungsrunde: Die österreichische Mayr-Melnhof AG kaufte seit Anfang der 90er-Jahre alles, was Rang und Namen hatte im deutschen und europäischen Karton- und Faltschachtelmarkt.

Der Einzige, der mithalten  konnte, war die belgische Van Genechten. Die Papiersackfabriken waren seit '86 schon fast alle in skandinavischer Hand. Die Kartonszene wurde dominiert von der schwedischen Iggesund mit kreativen Auftritten. Mit AssiDomän bei  Faltschachtel, Wellpappe und Papiersäcken (heute alles bei Mondi), mit einer  Stora, die die Düsseldorfer Feldmühle übernahm und später mit der finnischen Enso fusionierte

Dazu kamen die Amerikaner von International Paper eine Weile bei der prächtigen Zanders AG, heute sind sie wieder weg und M-real gibt das Beste, um in sich restrukturierenden Märkten den Kopf oben zu behalten. Auch jetzt beobachtet die grafische und Verpackungsindustrie mit viel Spannung, was weltweit bei Papieren geschieht.

Auffallend ist die deutsche Edelmann, die erst jetzt ihre Faltschachtelkarten so richtig ausspielt und von Mexiko bis China prächtig investiert ist. So, dass war‘s schon, ging ganz schön schnell rum, die 22,5 Jahre. Aber, in einer solch' dynamischen Branche auch kein Wunder.

Und trotzdem könnte man hier bereits nahtlos anknüpfen mit den nächsten News, zum Beispiel, dass sich gerade die Fertigpackungsvolumina in Europa ändern. Chance, Chance, Chance, denn der Markt benötigt so neue Kosmetikdöschen, neue Flaschen oder neue Zuckertüten!

Ich muss aber auch zum Schluss sagen, ganz schön viel Umwelt in dieser Jubiläumsstory. Aber, es war eben so. Und auch hier, meine ich, hat die Verpackung sehr flexibel, umfassend und letztlich erfolgreich reagiert. Aus den harten deutschen Vorgaben einen Vorteil erzielt. Weil alle ausgedünnten, alle Materialreduzierten Packstoffe, fast alle neuen Materialien ihren Job genauso gut oder besser erledigen als ihre Vorgänger.

Vor allen Dingen, die Maschinenleistungen haben nicht darunter gelitten, die Hightechanlagen werden immer schneller, immer elektronischer und kommen mit noch so dünnen Materialien fehlerfrei zurecht. Darum ist mir auch vor der Zukunft der Branche nicht bange, auch ohne das immer boomende Geschäft Essen und Trinken, käme diese Verpackungsindustrie bestens zurecht.

Auch die arg leidenden Freunde der Druckindustrie muss man nocheinmal stützen und anfeuern: Ich glaube, die Zukunft hat hier schon begonnen und sehr oft werden die Drucker und Technologieanbieter weiterhin ganz vorne mit dabei sein. Schauen Sie sich um, Funketiketten, Nanotechnologie, leuchtende Faltschachteln, Schmuckfarben, geprägte Verpackungen, funktionale Oberflächen! Alle diese Techniken laufen über den Druck und die Veredelung. Da  muss und wird der Verpackungsdruck mit dabei In der Verpackungs-Rundschau natürlich auch!

Die VR wird dieses Jahr 70 und feiert den Geburtstag mit ihrer Juli-Ausgabe. Das beste aus sieben Jahrzehnten VerpackungsRundschau wird auf dieser speziellen Seite zusammengefasst: VR wird 70!

Von Norbert Sauermann

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