Titelstory - 01/2018

10 Dinge, die Sie über Migration wissen müssen

Zugegeben, nur zehn sind etwas knapp für diese komplexe Thematik. Auch 20 oder 30 Stichworte wären kein Problem. Hier klassische Stichworte und aktuelle Information zum Thema Migration und Verpackungen.

10 Dinge, die Sie über Migration wissen müssen
Quelle: Fotolia / suzannmeer / leno2010/

 

Welche Verpackungen sind vom Thema Migration betroffen? Das Hauptaugenmerk liegt derzeit auf bedruckten und beschichteten Verpackungen aus Papier, Karton und Kunststoffen, die in direktem Kontakt mit Lebensmitteln stehen. Auch Kunststoffdichtungen an Verschlüssen für Lebensmittelverpackungen und Getränken waren schon unter Beobachtung. Darüber hinaus stehen unbeschichtete Aluminium-Verpackungen, wie zum Beispiel Menüschalen für die Außer-Haus-Verpflegung, im Fokus sowie Innenbeschichtungen von Dosen.

Verpackungen aus Karton

Bei Verpackungskartons mit einem Recycling-Anteil gelangen Rückstände von Druckfarben auf Mineralölbasis aus dem Zeitungsdruck in den Verpackungskarton.

Die kritischen Substanzen sind Gesättigte Mineralöl-Kohlenwasserstoffe (Mineral Oil Saturated Hydrocarbons), MOSH, und Aromatische Mineralöl-Kohlenwasserstoffe (Mineral Oil Aromatic Hydrocarbons), MOAH. Die MOAHKohlenwasserstoffe stehen im Verdacht, als genotoxisches Karzinogen zu wirken und für MOSHSubstanzen werden Leberschädigungen vermutet. Geprüft werden auch Druckfarben, die auf Rollenware einen Abklatscheffekt (Set off) bewirken können. Die mit dem Lebensmittel in Kontakt stehende, unbedruckte Kartonseite würde durch Abklatsch Substanzen aufnehmen. Das können Photo initiatoren und Bindemittel bei UV-Farben sein oder Trocknersubstanzen, Öle oder Fettsäureester bei konventionellen Farben sowie – in beiden Fällen – Pigmente.

Werte derzeit in den Verpackungen

Die Stiftung Warentest hat von 2015 bis 2017 einige Produkte untersucht: Positivbefunde gab es etwa bei grünem Tee(Blatt): bei 100 % aus 23 beprobten Produkten, die MOSH-Gehalte erreichten bis zu 91 mg/kg. Foodwatch konzediert, dass sich die Werte seit 2010 deutlich nach unten entwickelt haben. Waren 2010 in Cornflakes beispielsweise noch 1,9 mg/kg MOAH nachweisbar, so lag der Wert in 2015/2016 bei sieben Proben unterhalb der Nachweisgrenze und ansonsten bei maximal 0,3 mg/kg.

Weitere Substanzen außer MOSH/MOAH?

Geprüft werden derzeit PAO – Poly-Alpha-Olefine als Bestandteile von synthetischen Schmierstoffen und Hotmelt-Klebstoffen. Untersucht wird, ob möglicherweise Substanzen aus dem Klebstoff von Selbstklebeetiketten in die Kunststoffverpackung von Molkereiprodukten migrieren. Dazu kommen POSH – Polyolefin oligomeric saturated hydrocarbons, gesättigte Kohlenwasserstoffe – ins Gespräch, die als Oligomere aus Polyolefin-Kunststoffen und verwandten Produkten (zum Beispiel Weichmacher auf Basis von oligomeren Olefinen) in Lebensmittel übergehen können. Auch MORE – Mineralölraffinationsprodukte – werden geprüft: 'Foodgrade'-Schmierstoffe, Weißöle als Lebensmittelzusatzstoffe sowie Wachse und Paraffine. Regelungen der EU zur Migration Die EU-Verordnung 1935/2004 definiert alle Vorgaben für Materialien im Kontakt mit Lebensmitteln. Kunststoffmaterialien sind durch die Verordnung (EU) Nr. 10/2011 der Kommission (PIM – Plastic Implementation Measure) geregelt. Im Anhang I der Verordnung (Unionsliste) sind die zugelassenen Stoff e mit Spezifikation aufgeführt, wie die spezifischen Migrationsgrenzwerte (SML). Ein Leitfaden der EU erläutert die Anwendung der EU-Verordnung. Auch Hinweise zur Vorgehensweise bei Kunststoff schichten in Mehrschicht-Verbunden sind enthalten.

Migrationsgrenzwerte ermitteln

Er wird ausgedrückt in mg Stoff je kg Lebensmittel. Der Grenzwert für Migration aus dem Lebensmittelkontaktmaterial aus Kunststoff liegt bei 10 mg je dm² Oberfläche. Bei Werten darüber
wird Migration als unzulässige Veränderung des Lebensmittels betrachtet. Da die Gesamtmigration in Lebensmitteln nicht messbar ist, wird die Gesamtmigration in Lebensmittelsimulanzien gemessen. Die Simulanzien weisen die hydrophilen, amphiphilen und lipophilen Eigenschaften von Lebensmitteln und damit die chemischen Charakteristika auf, die zum Übergang von Stoffen führen. Ist in der Unionsliste kein spezifischer Grenzwert für einen bestimmten Stoff festgelegt, darf der Grenzwert für die Globalmigration von 60 ppm (mg/kg) als Summenfunktion nicht überschritten werden.

Zitat

Über die Übernahme der deutschen Regelung zur funktionellen Barriere und den MOAH-Grenzwert in das EU-Regelwerk wird immer wieder spekuliert.

Muss für den Verpackungshersteller

Die Verpackungshersteller müssen die Konformität ihrer Verpackungsmaterialien mit der Kunststoffverordnung erklären. Dies betrifft den gesamten Herstellungsvorgang. Die Konformitätserklärung ist eine standardisierte Information für die Fertigungsstufen in der Verantwortung des Herstellers. Diese Erklärungspflicht startet beim Hersteller eines Monomers und führt über den Hersteller eines Kunststoffzwischenprodukts bis zum Hersteller des fertigen Gegenstands. Damit sind auch Hersteller von Klebstoffen, Druckfarben und Beschichtungen, deren Produkte in Kunststoffmaterialien eingesetzt werden, von dieser Informationspflicht betroffen. Dazu kommen ggf. nationale Rechtsvorschriften, die auch eine Konformitätserklärung für Klebstoffe, Druckfarben, Beschichtungen und Nicht-Kunststoffmaterialien in Mehrschicht-Verbunden fordern können.

Der Stand in Deutschland

Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) arbeitet seit 2012 an einer Änderung der Bedarfsgegenständeverordnung. Die Änderung fordert eine funktionelle Barriere, um den Übergang von MOAH in das Lebensmittel zu verhindern. Für die Barriere ist ein Grenzwert von maximal 0,5 mg/kg festgelegt. Bei Einsatz von Frischfaserkarton entfällt die Barrierepflicht. Diese Änderung ist seit Anfang März 2017 in der Warteschleife. Ebenfalls im Gesetzgebungsprozess hängt eine Positivliste für Druckfarben, die alle für den Kontakt mit Lebensmitteln geeigneten Druckfarben auflistet. Über dieses Regelwerk hinaus definieren Lebensmittelkonzerne in ihrer Einkaufspolitik gezielt die Materialien für den Kontakt mit Lebensmitteln.

MOSH außerhalb der Regulierung

Beim Verbraucherschutztag des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) im Dezember 2017 in Berlin erklärte die zuständige Referatsleiterin des BMEL, dass der Gesetzgeber nur bei belastbarer Faktenlage handle – also Studien zum Risiko der Bevölkerung ausreichend valide seien. Bei der Bewertung dieser Frage stützt sich das Ministerium auf die Stellungnahme der European Food Safety Authority (EFSA) aus dem Jahr 2012.

Andere Verpackungen unter Beobachtung

PVC in Dichtungsmaterialien bei Verschlüssen in Twistoff-Gläsern ist seit 2006 thematisiert. Das BfR empfahl auf den Einsatz von Weichmachern, insbesondere DEHP (Di(2-ethylhexyl)phthalat), zu verzichten. Auch 2017 fanden Warentester noch Produkte mit DEHP-Dichtung im Deckel und Weichmacher-Übergang ins Produkt.

Unter Beobachtung sind unbeschichtete Aluminiummenüschalen: Das BfR hat die Schalen mit Prüflebensmitteln im Cook & Chill-Verfahren sowie der anschließenden Warmhaltephase auf einen Übergang von Aluminiumionen geprüft. Das BfR empfiehlt beschichtete Aluschalen bzw. Menüschalen aus anderen Materialien.  Darüber wird MOAH als krebserregend eingestuft, aber für die vollständige gesundheitliche Bewertung fehlt bisher eine ausreichende Risikoabschätzung. Erst 2019 sollen EU-weit Werte für die Erarbeitung gesetzlicher Regelungen vorliegen. Bis dahin sind Verpacker von Lebensmitteln, Kosmetika, Spielwaren u. a. aufgerufen, potenziell belastete Verpackung zu vermeiden bzw. mit Barriere schichten zu versehen. Weiterhin sind Migrationsbelastungen durch andere Einflüsse (Erntemaschinen, Produktions- und Verpackungsanlagen), aber auch die Zusammensetzung der Produkte selbst zu klären.

Autorin: Susanne Blüml

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