VR Titelstory 12/2018
Getränke

Handgemachtes im Trend

Für Hochprozentiges greifen viele Deutsche gerne auch tiefer in die Tasche: Laut einer aktuellen Studie gaben sie im letzten Jahr durchschnittlich rund 50 Euro für Wodka, Whisky, Rum, Gin und Co. aus.

Etikettenpapier Zanlabel touch für traditionell hergestellte Spirituosen
Etikettenpapier Zanlabel touch für traditionell hergestellte Spirituosen
Quelle: Zanders
Immer beliebter werden sogenannte Craft-Spirituosen - qualitativ hochwertige, handwerklich hergestellte Drinks. Von diesem Trend profitieren vor allem kleine Brennereien. Für das Trendgetränk Gin etwa listet der Blog gintlemen.com über 300 Hersteller allein in Deutschland auf. Auch der Bundesverband der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure (BSI) beobachtet einen zunehmendes Interesse der Konsumenten an Craft-Spirituosen. "Konsumenten schätzen das Handwerk und den Traditionsgedanken im Zusammenhang mit der Herstellung von Spirituosen", sagt Geschäftsführerin Angelika Wiesgen-Pick. Denn: Konsumenten möchten sich mit den Produkten beschäftigen, die sie genießen und Geschichten rund um das Handwerk hören.

Traditionsschnaps im Industriedesign

?Die letzte Schicht" ehrt die Kumpel im Ruhrgebiet
„Die letzte Schicht" ehrt die Kumpel im Ruhrgebiet
Quelle: TAS Emotional Marketing / Banneke
Nach der Gin-Welle der letzten Jahre könnte Korn die nächste Trend-Spirituose werden, meinen Branchenkenner. Doch Handwerkskunst, schicke Flaschen und edle Etiketten allein reichen nicht aus, um dem deutschen Traditionsschnaps ein neues Image zu verpassen. Nur wer außerdem eine Geschichte zu erzählen hat, kann sich vom Discounter-Korn absetzen. "Die letzte Schicht", den die Kommunikationsagentur TAS Emotional Marketing und Spirituosenfachhändler Banneke jetzt auf den Markt gebracht haben, ist so ein neuer Korn. Seine Geschichte: Ende 2018 ist im Ruhrgebiet Schicht im Schacht und die letzte Steinkohlen-Zeche wird ihren Betrieb einstellen. Der Steinkohlenbergbau mit all seinen Mythen und Ritualen sei aber nicht nur Abschied, sondern auch eine Chance, die Zukunft neu zu gestalten. Durch seinen Namen, den Markenauftritt und die Rezeptur will dieser Korn die Bergbauarbeiter, die das Ruhrgebiet geprägt haben, ehren. Alle Zutaten kommen aus der Region, destilliert wurde die limitierte Erstauflage in der Destillerie Heinrich Habbel in Sprockhövel, abgefüllt im Familienbetrieb Küppersbusch in Velbert. Die eckige Flasche im Vintage-Design mit dem matt-schwarzen Etikett soll edel und modern, gleichzeitig aber auch bodenständig wirken. Die lineare und funktionelle Schrift erinnert an einen alten Industrie-Schriftzug und ist in rostroter Kupferfolie auf dem Etikett eingeprägt. Die Folie wurde dabei so dunkel gewählt, dass das Logo erst durch Lichtreflexe richtig erkennbar wird. Hammer und Schlägel thronen über dem Schriftzug als Symbol des Bergbaus. Die limitierte Nummerierung der Flaschen von 1 bis 6000 Stück macht jede Flasche zu einem Einzelstück. Der besondere Clou ist ein kleines Stück Kohle, das jeder Flasche angehängt wird. Thomas Siepmann, Inhaber der TAS Emotional Marketing und Banneke Geschäftsführer Fabian Faber planen bereits eine weitere Edition: Diese könnte ein Korn sein, der unter Tage im Fass reift.

In zeitgemäßes Licht gerückt

Schlichtes Etikett ? im Letterpress-Verfahren mit Muskelkraft gedruckt und geprägt
Schlichtes Etikett − im Letterpress-Verfahren mit Muskelkraft gedruckt und geprägt
Quelle: Nork
Auch Nork gehört zu den neuen, hippen Kornmarken. Drei Freunde aus Hamburg und Bremen haben sich vorgenommen, die traditionsreiche wie verkannte Spirituose Korn wieder salonfähig machen. Korn könne mehr, als Schützenfest und Herrengedeck, schreiben sie auf ihrer Website. Als älteste deutsche Spirituose verfüge er über 500 Jahre Tradition und habe sogar ein Reinheitsgebot. Abgefüllt wird Nork - der Name ist ein Anagramm aus dem Wort Korn - in schlichte Glasflaschen mit klarem nordischen Etikettendesign in der Frontansicht. Das fand auch die Jury des German Design Awards, die das zeitlos-reduzierte Verpackungsdesign sowie das dazugehörige bunte Social-Media-Package in diesem Jahr auszeichnete: "Ein toller Auftritt, der die in die Jahre gekommene Spirituose in ein zeitgemäßes Licht rückt." Die Etiketten kommen von der Bremer Steintorpresse. Dort werden sie im Letterpress-Verfahren auf uralten Maschinen mit Muskelkraft gedruckt und geprägt. Die Etikettenrückseiten werden dann farbig digital bedruckt. Somit bekommt jedes Etikett seine eigene Farbe. "Durch die farbige Rückfläche bekommen wir die Etiketten allerdings noch nicht selbstklebend hin und müssen daher mit Nassleim arbeiten", sagt Ann-Katrin Dallmeyer, die gemeinsam mit ihrem Bruder Johann Dallmeyer und Lars Galling den neuen Korn vermarktet. Jedes Etikett wird von Hand verleimt, jede Flasche fortlaufend nummeriert und jeder Holzdeckel von Hand geölt.

Manufaktur mit Familientradition

Mehrere Veredelungstechniken um das gedruckte Felsmotiv schaffen eine 3D-Illusion
Mehrere Veredelungstechniken um das gedruckte Felsmotiv schaffen eine 3D-Illusion
Quelle: Metsä Board
Spirituosen mit Geschichte stellt auch Gabriel Grote her. Er hat gemeinsam mit seinem Kompagnon Henning Birkenhake 2010 in Berlin Prenzlauer Berg die Grote & Co. Spirits Manufaktur gegründet. Dort produzieren sie unter anderem Pijökel 55 nach einer Rezeptur von Grotes Vater, einem Apotheker. Der Kräuterlikör entstand aus dem Geheimzirkel der Pijökelfreunde um Kuno Grote ? die braunen Apothekerflaschen mit den alchimistischen Zeichen und der runenartige Schrift sollen heute daran erinnern. Neueste Entwicklung der Berliner Manufaktur ist Spree Gin, Berlins ersten Bio Gin mit echten Demeter-Spreewaldgurken. Die schlichte Ginflasche wird rundherum komplett im Siebdruckverfahren bedruckt, handgemalte Wellen stehen für den Fluss Spree. Drittes Produkt ist der Birnenbrand BRLN Williams Honey, der mit Berliner Stadthonig veredelt wird. Das Etikett greift dies mit Goldfolie und ungestrichenem Naturpapier auf. Es wird als Rollenetikett auf die transparenten Apothekerflaschen aufgebracht. Alle Designs stammen vom Berliner Designerduo SchäferWolf.

Digitale Vernetzung

Visueller Kontrast: ungestrichener Karton mit Heißfolienprägung
Visueller Kontrast: ungestrichener Karton mit Heißfolienprägung
Quelle: Metsä Board
Die schwedische Whisky-Destillerie Mackmyra setzt auf moderne Kommunikation, um den Absatz ihres Whiskys zu steigern. Sie will demnächst NFC (Near Field Communication)-Lösungen von Thinfilm Electronics nutzen, um sich direkt mit Kunden über Smartphones zu verbinden, ihr Private Cask-Programm zu bewerben und die Präsenz in den sozialen Medien auszubauen. Dazu werden NFC-Tags in die Flaschenetiketten integriert. Jede einzelne aus dem Privatfass abgefüllte Flasche wird so mit detaillierten Informationen über das jeweilige Fass verknüpft - abrufbar über das Smartphone. Die verwendeten NFC-Tags sind in die CNECT-Cloud-Plattform von Thinfilm integriert. Über ein benutzerdefiniertes CNECT-Dashboard kann das Marketing-Team von Mackmyra dann alle Aktivitäten zur Kundenbindung in Echtzeit abrufen und analysieren. Für die erste Jahreshälfte 2019 seien weitere Anwendungen geplant, einschließlich der Kombination von NFC mit anderen digitalen Technologien, damit Kunden einen Blick hinter die Kulissen des Destillationsprozesses werfen können.

Bourbon trifft Tättowierkunst

Kräuterlikör aus dem Geheimzirkel der Pijökelfreunde
Kräuterlikör aus dem Geheimzirkel der Pijökelfreunde
Quelle: Grote
Auch Diageo setzt auf neue Medien und hat die Flasche seiner Whiskeymarke Bulleit jetzt mit einem Hashtag und einem scanbaren QR-Code versehen, womit es via Smartphone möglich ist, in eine interaktive Augmented-Reality-Welt einzutauchen und das neue Tattoo-Design der Flasche online zum Leben zu erwecken. Der Spirituosenhersteller hatte in Zusammenarbeit mit internationalen Tattoo-Künstlern die Bulleit Bourbon Tattoo Limited Edition kreiert. Auf dem deutschen Markt ist jetzt die von der New Yorker Tattoo-Künstlerin Jess Mascetti gestaltete limitierte Tattoo Edition erschienen, für die die Bourbonflasche erstmals verändert wurde.

Besondere Tinte

Wodkaflasche
Aus Hass-Botschaften extrahierte Tinte in Mint und Rosa
Quelle: Pernod Ricard
Mit einer ausgefallenen Idee will Absolut Vodka, eine Marke von Pernod Ricard, in diesem Jahr weltweit Menschen dazu inspirieren, für ein offenes Miteinander, Akzeptanz und Liebe einzutreten. Für das Design der neuen Limited Edition "A Drop of Love" reiste ein Team von Absolut gezielt zu rassistischen und diskriminierenden Veranstaltungen weltweit, sammelte vor Ort Hass-Schilder ein und extrahierte daraus die Tinte. Auf jeder Flasche der Limited Edition findet sich nun die gewonnene Tinte in dem mint- oder rosafarbenden Aufdruck der Flaschenkontur. Dazu gibt es eine Erläuterung zum Produktionsprozess. Das Wort "Liebe" in vielen Sprachen ergänzt das Design der Flasche, die zu 70 % aus recyceltem Glas besteht.

Natürlich und edel

Nachhaltigkeit ist auch bei den Spirituosenherstellern ein Thema. Die Helsinki Distilling Company nutzt etwa einen ungestrichenen weißen Kraftliner von Metsä Board als Verpackungsmaterial für den Karton der neuen Flasche "Helsinki White Dog". "Die Verpackung wird aus einem leichtgewichtigen Microfluting hergestellt, bei dem sämtliche Schichten aus MetsäBoard Natural WKL Bright bestehen. Die Verpackung ist ganz ohne Aufdruck gestaltet - als Designelement kommt ausschließlich eine Heißfolienprägung zum Einsatz. Aufgrund seiner Natürlichkeit lässt sich der Karton ideal mit der Heißfolienprägung kombinieren, hierdurch entsteht ein wunderschöner 3D-Effekt und visueller Kontrast", erklärt Ilkka Harju, Packaging Services Director von Metsä Board.

Das Unternehmen liefert zudem das Verpackungsmaterial für den Arctic Blue Gin der finnischen Destillerie Nordic Premium Beverages. MetsäBoard Pro FBB Bright, eine leichtgewichtige Kartonqualität, wird aus Frischfasern mit Herkunftsnachweis aus nachhaltig bewirtschafteten nordischen Wäldern gefertigt. Die hohe Weiße und Glätte des Kartonmaterials sollen für gute Eigenschaften beim Druck und beim Einsatz von Spezialeffekten sorgen. Ilkka Harju: "Bei der Verpackung wird die ungestrichene Kartonseite bedruckt, so dass eine natürliche Haptik entsteht. Außerdem wurden auf der Oberfläche mehrere anspruchsvolle Veredelungstechniken angewendet, um rings um das gedruckte Felsmotiv eine 3D-Illusion zu schaffen. Eine mehrlagige Prägung ergibt eine felsartige Haptik. Zusätzlich kommt eine Folienveredelung zum Einsatz, die einen Kontrast zu der natürlichen Kartonoberfläche bietet. Zu guter Letzt wird die Verpackung auch innenseitig bedruckt, damit sie in dem Moment, in dem die Flasche ausgepackt wird, ihre maximale Wirkung entfaltet."

Information: Nachhaltigkeit

Alle Winterpromotion Displays der Pernod Ricard Gruppe werden in diesem Jahr aus nachhaltig gewonnener, FSC-zertifizierter Wellpappe hergestellt. Ziel des Unternehmens ist es nach eigenen Angaben, bis 2020 alle Produktverpackungen komplett aus wiederverwendbaren Materialien herzustellen.

Autorin: Doris Bünnagel

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