Lebensmittel verpacken - Quo vadis?

Verbraucher wünschen sich heute Verpackungen, die mit weniger Material auskommen und recycelbar sind, sie möchten Lebensmittel zunehmend auch online bestellen und smarte Features nutzen.

Titelstory 03/2018
Der Digital Watermark Code verschlüsselt die Artikelnummer und wird als Wasserzeichen aufgebracht
Quelle: GS 1 Germany

 

Für viele Menschen wird eine gesunde Ernährung immer wichtiger. Gleichzeitig hinterfragen sie, woher ihre Lebensmittel kommen und was sie enthalten. Doch nicht nur die Inhaltsstoffe, auch die Verpackung steht immer häufiger im Fokus. Sie soll mit so wenig Material wie nötig auskommen, nachhaltig und möglichst recycelbar sein, über ihr Design aber auch eine Botschaft aussenden und eine individuelle Haltung vermitteln. Merkmale wie Easy open, Wiederverschließbarkeit oder To-go-Features gehören für die meisten Verbraucher heute bereits zum Standard einer Verpackung. Fehlen sie, wird dies sofort negativ bemerkt. „Auch Overpackaging, wie man es im FMCG-Bereich noch häufig findet, nehmen kritische Verbraucher mittlerweile sehr übel”, sagt Christine Lischka, Geschäftsführerin der Hamburger Agentur Serviceplan, die sich auf Markenführung und Packaging Design spezialisiert hat. Gut dagegen kommen gerade Produkt- und Verpackungskonzepte an, die einfach und wie selbstgemacht wirken. „Eine gute Gründerstory oder innovative nachhaltige Materialien können einem Produkt zum Erfolg verhelfen.”

Lebensmittel Onlinehandel wächst

Die Digitalisierung hat längst den Verpackungsbereich erreicht und stellt künftig neue Herausforderungen an Hersteller, denn die Präsentation eines Produktes im Internet unterscheidet sich deutlich von der im Supermarkt. „Kleinteilige Informationen wie sie auf Verpackungen im stationären Handel üblich sind, funktionieren online nicht. Gefragt ist hier ein Branding, das Botschaften schnell und verständlich vermittelt." Denkbar sind künftig sogar zwei verschiedene Verpackungen für ein Produkt. „Ein Design für das Verkaufsregal, ein anderes für die Präsentation im Netz? Das kann ich mir gut vorstellen“, so Lischka.  Für den Vertriebskanal Amazon gibt es bereits im Einzelhandel unübliche Verpackungsvariationen: Hersteller alkoholfreier Getränke bieten etwa ihr Produkt nur in Dosen an und diese nur in einem 24er-Pack, so eine Studie des IFH Instituts für Handelsforschung  im Auftrag des Handelsverbands Deutschland HDE. Wohin die Entwicklung geht, zeigt GS1 Germany in seinem neu konzipierten Knowledge Center in Köln. Die digitalen Wertschöpfungsketten rücken dort in den Mittelpunkt mit Themen wie Voice Commerce, dem stimmgesteuerten Konsum mit digitalen Sprachassistenten, mit Codes, die für das Auge unsichtbar sind oder dem Einkaufen ohne Kasse.

Connected Packaging im Kommen

Titelstory 03/18
Rewe will Kunststoffverpackungen reduzieren
und testet nachhaltige Verpackungsmaterialien
Quelle: Creapaper
Smart Packaging ist ein Trend, der sich immer weiterentwickelt. Aktive Verpackungen mit erweiterten Funktionen, die mit dem Füllgut in Wechselwirkung treten und so die Haltbarkeit verbessern, stehen schon in den Regalen. Intelligente Verpackungen kommunizieren gar mit dem Verbraucher. „Das Thema Connected Packaging wird in Zukunft wichtiger werden. Wenn beispielsweise der QR-Code auf einer Rotweinflasche nicht nur Informationen zum Anbaugebiet und Winzer gibt, sondern auch Hinweise auf den Picknickplatz in der Nähe abgerufen werden können", sagt C. Lischka.
Innovative Verpackungslösungen mit smarten Features wie RFID-Chip, QR-Code, Digimarc-Code, NFC, gedruckter Elektronik oder Augmented-Reality-Elementen bieten Konsumenten dann eine Fülle an Zusatznutzen. „Noch wird der Markt nicht gerade überschwemmt mit diesem Thema, aber das wird kommen."

Maßgeschneiderte Ansprache

Mit den wachsenden Möglichkeiten, Lebensmittel über Smartphone oder Tablet zu bestellen, beginne eine neue Ära der Personalisierung, so das Marktforschungsinstitut Mintel. Die neuesten Entwicklungen beim Einkauf bieten daher auch Abonnement-Services, einfache automatische Nachbestellung und einfache Synchronisation mit SmartHome-Geräten. Gezielte Werbe- und Rabatt- aktionen sprechen Konsumenten persönlich an. Neben Digitalisierung und Smart Packaging ist derzeit aber auch ein Trend zum Handgemachten und Regionalen erkennbar, der sich auch in der Verpackungsgestaltung zeigt. Junge Startup-Unternehmen mit innovativen Produkten und einer pfiffigen Gründerstory sind derzeit auch im Lebensmittelbereich erfolgreich. „Wir beobachten aber auch, dass große Unternehmen sich wie  Startups geben und Gründerstories imitieren. Insgesamt gehen die Bemühungen dahin, nicht industriell zu wirken", so Lischka.

Recycelbare Verpackungen im Trend

Das Marktforschungsinstitut Mintel hat kürzlich 2000 Internetnutzer in Großbritannien zum Thema Recycling befragt. 72 % der Befragten würden Produkte mit einer Verpackung kaufen, die entweder vollständig oder teilweise aus recyceltem Kunststoff hergestellt ist. Hoch im Kurs stehen laut Umfrage auch Verpackungslösungen, die mit weniger Verpackungsmaterial auskommen. „Beim Thema Recycling ist von Seiten der Industrie noch viel zu tun. Es gibt heute tolle, nachhaltige Materialien, doch wenn die Recyclingströme und die Logistik dahinter nicht stimmt, dann ist in den Augen der Verbraucher jede herkömmliche Kunststoffverpackung besser", betont Lischka. „Derzeit fehlt das industrielle BackEnd. Das wird ein wichtiges Thema für die Zukunft." Erste Ansätze gibt es: Unilever hat sich etwa verpflichtet, bis zum Jahr 2025 nur noch wiederverwertbare, recyclingfähige oder kompostierbare Plastikverpackungen einzusetzen. Der Konzern beteiligt sich zudem an einem Forschungsprojekt zur Trennung von PE/PA-Mehrschichtfolien, um die separierten Recycling-Materialien wieder sortenrein in den Kreislauf einbringen zu können. Auch Aldi will bis 2030 nur noch recyclingfähige Kunststoffverpackungen listen, ähnlich haben sich andere Handelsunternehmen geäußert.

Offenheit gefordert

Titelstory VR 03/18
Nur nicht industriell:
Verpackungen sollen natürlich, regional und wie handgemacht wirken
Quelle: Merz Punkt
Verbraucher begegnen Lebensmittel- und Getränkeherstellern zunehmend mit Skepsis und fordern mehr Offenheit, wenn es um Zutaten, Herstellungsprozesse und Lieferketten geht. Die nächste Welle von Clean Label werde von Herstellern und Einzelhändlern verlangen, Transparenz und Rückverfolgbarkeit zum Standard für alle Produkte zu machen und allen Verbrauchern Zugang zu nachhaltig und verantwortlich hergestellten Produkten zu ermöglichen, heißt es dazu in einer aktuelle Studie von Mintel.

Nachhaltigkeit ein Muss

„Nachhaltigkeit ist eigentlich kein wirklicher Trend mehr, sondern eher das Wohl und Wehe der Markenwahrnehmung", sagt Christine Lischka. Gerade bei jüngeren Konsumenten sei Nachhaltigkeit schon fast Standard. Laut einer Verbraucherstudie im Auftrag der STI Group denkt die Mehrzahl der Verbraucher bei nachhaltigen Verpackungen zuerst an Themen wie Recycling und Entsorgung. Und sie ziehen aus dem verwendeten Verpackungsmaterial Rückschlüsse auf die Nachhaltigkeit des Produktes. Karton- und Wellpappeverpackungen werden per se als umweltfreundlich angesehen.  So ist es nicht verwunderlich, dass die großen deutschen Lebensmittelhändler sich zunehmend bemühen, den Verpackungsmüll aus Kunststoff zu reduzieren. Aldi Süd habe in den vergangenen fünf Jahren die Gesamtmenge an Verkaufsverpackungen bereits insgesamt um acht Prozent reduziert und wolle demnächst Graspapier- und Zuckerrohrschalen als Verpackungsalternativen testen, berichten Wirtschaftswoche und dpa. Discounter Lidl testet bereits Zellulosenetze aus zertifiziertem Buchenholz sowie eine gartenkompostierbare Folie auf Zellulose-Basis. Auch Rewe hat bereits verschiedene Initiativen zur Kunststoffvermeidung gestartet und kennzeichnet gerade Bio-Avocados und -Süßkartoffeln mit Laser-Logos, um unnötige Verpackungen zu vermeiden.

Essen to go, aber gesund

Mit dem deutlichen Trend zu gesunder Ernährung kommen gerade eine Vielzahl neuer Snackprodukte auf den Markt – sie bestehen aus getrockneten Früchten oder Nüssen, sind bio, vegan, raw und ohne Zusatzstoffe. Auf den Fachmessen steht das Thema gesunde Snacks längst im Fokus. So schaffte es ein Fruchtsnack des Schweizer Herstellers HPW auf Platz 1 der Top-Innovationen der diesjährigen Süßwarenmesse ISM, Köln. Und auf der Biofach, Nürnberg, punktete das junge Start-up Nucao aus Dresden mit einer nährstoffreichen Lowcarb-Alternative in Riegelform aus Rohkakao und Hanfsamen. Gerade beim Außer-Haus-Verzehr demonstriere man mit der Verpackung in der Hand, was man wertschätze und welchen Markenwelten man sich zugehörig fühle, sagen die Marktforscher von rheingold. Gerade kommen für den UnterwegsVerzehr immer mehr langlebige Verpackungen auf den Markt: Coffee-to-go Becher aus Porzellan,  Lunchboxen aus spülmaschinenfestem Kunststoff oder witzig dekorierte Snack-to-go Schüsseln setzen bereits ein Zeichen gegen die Wegwerfgesellschaft.
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