19. April 2018 | Wirtschaft | Exklusiv

Deutscher Verpackungskongress: Zukunft der Verpackung

Am 22. März hatte das Deutsche Verpackungsinstitut (dvi) zum 13. Gipfeltreffen der Branche nach Berlin eingeladen. Zur Klärung der Frage nach der Zukunft der Verpackung waren fast 200 Teilnehmer erschienen, die interessiert zuhörten und engagiert mit den Referenten aus namhaften Unternehmen, aber auch innovativen Start-ups, von NGOs und anderen Institutionen diskutierten.
13. Gipfeltreffen der Branche in Berlin
Prof. Dr. Michael Hüther
Quelle: Deutscher Verpackungskongress

Zum Auftakt des Kongresses referierte Prof. Dr. Michael Hüther, Direktor des Instituts der Deutschen Wirtschaft Köln, über die konjunkturelle Lage der deutschen Wirtschaft und die globalen Rahmenbedingungen, mit denen die Branche rechnen muss. Anhand fundierter Daten und Fakten, die er kenntnisreich und unterhaltsam darlegte, begründete er, dass die positive Entwicklung unserer Wirtschaft auf Geschäftsmodelle wie die Clusterbildung zurückzuführen ist, bei der die Unternehmensentwicklung auf strukturellen Grundlagen basiert, die von Gemeinsamkeiten in der Bildungspolitik profitiert, aber auch von Problemlösungskompetenz und Wettbewerbsfähigkeit zeugt.

Besonders zahlt sich die Zusammenarbeit mit Dienstleistern aus, die ein Drittel der Wirtschaftsleistung der Cluster ausmacht und auch für die Verpackungsbranche zutrifft. Für weitere wirtschaftliche Erfolge sind die ständige Veränderungsbereitschaft und das Zusammenwachsen Europas unabdingbar, aber auch gezielte Einwanderung, um die Herausforderungen von demographischem Wandel und Fachkräftemangel zu meistern.

Für und Wider Verpackungen

13. Gipfeltreffen der Branche in Berlin
Normen Odenthal
Quelle: Deutscher Verpackungskongress
Im weiteren Verlauf des Kongresses waren die Beiträge in drei Themengruppen eingeteilt. Der erste Komplex mit dem Titel „Ist Verpackung lebensnotwendig oder entbehrlich?“ brachte Referenten mit kontroversen Positionen auf das Podium, die aber in der den Block abschließenden Diskussionsrunde - auch dank der wie immer professionellen Moderation von Normen Odenthal - im Dialog mit den Zuhörern ihre Meinungen sachlich und entspannt austauschten.
13. Gipfeltreffen der Branche in Berlin
Milena Glimbovski
Quelle: Deutscher Verpackungskongress

Als erste Rednerin trat Milena Glimbovski, GF der Original Unverpackt GmbH, mit dem Beitrag „Zero Waste = Zero Verpackung?“ auf. Sie brachte zum Ausdruck, dass sie sich über die Einladung zum Verpackungskongress gefreut habe und erläuterte, warum sie den ersten Supermarkt in Deutschland gegründet hat, der möglichst ohne Einwegverpackungen auskommen soll. Sie möchte zur Verringerung des Abfalls und zur Ressourcenschonung beitragen. Allerdings sei ihr durchaus bewusst, dass Verpackungen notwendig sind.

Unverzichtbar sind Einwegverpackungen zum Beispiel bei Medikamenten, aber für viele andere Waren wünscht sie sich Mehrwegverpackungen, auch vom Kunden mitgebracht. Außerdem sollte auf Kunst- und Verbundstoffe sowie andere Materialien, die schlecht recycelbar sind, verzichtet werden. Die Politik sollte mit Ökosteuern regulieren und die Verpackungswirtschaft ernsthaft über effektive Lösungen nachdenken, denn die Generation Z lässt sich nichts vormachen, sie informiert sich und ist breit vernetzt. Deshalb wird es auch bei Verpackungen einen Wandel geben müssen.

Als kritischer Partner für die Diskussionsrunde meldete sich danach Dr. Bernhard Bauske, Senior Advisor Marine Litter Reduction vom WWF Deutschland, zu Wort, dessen Beitrag „Verpackungsmüll in den Ozeanen“ erst im nächsten Themenblock zur Sprache kam. Er betonte, dass alle Bestrebungen, Müll zu vermeiden, begrüßt werden. Vor allem regionaler Verbrauch spart Verpackung.

Allerdings sei stets eine Gesamtbilanz erforderlich, die außer der Materialauswahl auch Produktionsbedingungen, Wasser- und Energieverbrauch sowie Entfernungen beachtet, um richtige Maßnahmen zu treffen. Nachwachsende Rohstoffe, die durch Genmanipulation belastet sind, können nicht besser abschneiden als andere Werkstoffe.

13. Gipfeltreffen der Branche in Berlin
Albert Klinkhammer
Quelle: Deutscher Verpackungskongress

Den Verpackungskritikern folgten zwei Impulsvorträge wichtiger Verpackungshersteller. Albert Klinkhammer, Group Marketing Director der Mondi Group, zeigte mit seinem Beitrag „Design für eine nachhaltige Lösung“ am Beispiel Wellpappe auf, welche Schritte der Verpackungsbranche zu nachhaltigen Verpackungslösungen führen.

Verpackungen müssten dem Lebensstil der Verbraucher entsprechen, gut zu handhaben und umweltgerecht sein. Kleinere Packungsgrößen bedeuten zwar mehr Verpackungsaufwand, aber geringere Nahrungsmittelverluste. Barrierelösungen, die ebenfalls den Verderb verringern helfen, dürfen das Recycling nicht behindern.

Um solche Lösungen zu entwickeln, ist die enge Zusammenarbeit mit vor- und nachgelagerten Partnern erforderlich. Mondi hat Partnerschaften mit verschiedenen Stakeholdern aufgenommen. Ein Ergebnis dieser Bemühungen ist „Skog“ entstanden, eine natürliche Verpackung für den Nahrungsmitteldirektkontakt aus FSC-zertifiziertem Kraftpapier, beidseitig ausgerüstet mit einer Barriereschicht aus Biopolymeren zum Frischhalten des Produktes, siegelfähig, bedruckbar und mit einem Sichtfenster versehen, damit das Produkt gut präsentiert wird, leicht, um CO2-Emissionen zu reduzieren, dennoch ausreichend stabil und 100% biologisch abbaubar.

Zum Schluss richtete Albert Klinkhammer die Forderung an die Politik, erneuerbare Werkstoffe, lange Kreisläufe und eine sichere Entsorgung noch besser zu fördern.

13. Gipfeltreffen der Branche in Berlin
Stephan Karl
Quelle: Deutscher Verpackungskongress

Ihm schloss sich Stephan Karl, Managing Director von Tetra Pak, mit dem Vortrag „Ganz ohne Verpackung geht es nicht: So wenig wie möglich – so viel wie nötig“ an. Er unterstrich, dass die Verpackung Teil der Zukunft und vor allem für den Lebensmittelbereich unerlässlich ist, wo die Distribution der Waren ohne Verpackung heute undenkbar wäre.

Auch Tetra Pak arbeite an immer effektiveren Lösungen, indem zum Beispiel die verwendeten Rohstoffe bis hin zu den Verschlüssen ein vollständiges Recycling ermöglichen. Seine Schlussfolgerungen: „Verpackung sollte mehr sparen als sie kostet“ und „Neue Wege entstehen beim Gehen“.

Die abschließende Diskussion zu diesem Block war ein interessanter Auftakt für weitere Gespräche und zeigte, dass die Verpackungsbranche ihre Innovationen intensiver darstellen muss, um das Image zu verbessern.

Nachhaltigkeit bei Verpackungen als Schlüssel für die Zukunft

13. Gipfeltreffen der Branche in Berlin
Dr. Bernhard Bauske
Quelle: Deutscher Verpackungskongress

Der zweite Themenblock mit dem Titel „Die Verpackung als Bestandteil nachhaltiger Strategien“ wurde von Dr. Bernhard Bauske (WWF) eröffnet, der seine Ausführungen vom Vormittag mit Daten und Fakten unterlegte. Bisher ist Kunststoff in großen Mengen unkontrolliert in die Umwelt gelangt.

Das müsse gestoppt werden, aber es geht nicht primär nur um die Frage Kunststoff zu ersetzen, sondern das Kunststoffrecycling muss auch durch finanzielle Anreize einen anderen Stellenwert erhalten, so wie es bei anderen Werkstoffen selbstverständlich ist. Nur dann wird die stoffliche Verwertung eine breitere Akzeptanz in der Industrie finden.

13. Gipfeltreffen der Branche in Berlin
Jürgen Dornheim
Quelle: Deutscher Verpackungskongress

Beispiele für Nachhaltigkeit zeigten auch die nachfolgenden Referenten auf: Jürgen Dornheim, Section Head Package Capability der Procter & Gamble Service GmbH, verwies in seinem Vortrag “Die Bedeutung von nachhaltigen Verpackungen in der Konsumgüterindustrie“ darauf, dass sich das Umweltbewusstsein weltweit entwickeln wird, aber als wichtige Kaufargumente für Konsumenten gelten weiterhin die Produktqualität und der Preis.

Das müsse komplex betrachtet werden, wofür an die Stelle regionaler Insellösungen eine globale Zusammenarbeit der Hersteller erforderlich ist. Wichtig ist aber auch Erziehung der Verbraucher, deren Zugang zu Sammelsystemen, bessere Sortierung und Trennung gebrauchter Verpackungen, Design for Recycling-Kriterien zur Verpackungsentwicklung sowie mehr Recyclateinsatz und leichtere Verpackungen, um auch beim Transport CO2 zu sparen.

13. Gipfeltreffen der Branche in Berlin
Markus Korte (links), Florian Constabel (rechts)
Quelle: Deutscher Verpackungskongress

Gemeinsam stellten die nächsten Referenten Florian Constabel, Creative Area Manager Innovation der Wipak Walsrode GmbH & Co. KG, als Verpackungsentwickler und Markus Korte, Geschäftsführender Gesellschafter der Mar-Ko Fleischwaren GmbH & Co. KG, als Anwender die „Klimaneutrale Standbodenbeutel-Verpackung ProDirect“ vor, die den Deutschen Verpackungspreis 2017 in der Kategorie Nachhaltigkeit gewonnen hat.

Maßgebend dafür war neben Energie- und Materialeinsparungen die Ablösung des bisherigen Al-Kunststoff-Verbundes durch eine Verpackung aus nachwachsenden Rohstoffen, die die lange Haltbarkeit der Produkte gewährleistet, den EU-Anforderungen entspricht und gut recyclierbar ist.

13. Gipfeltreffen der Branche in Berlin
Dr. Thomas Maier-Eschenlohr
Quelle: Deutscher Verpackungskongress

Dr. Thomas Maier-Eschenlohr, Gründer und GF der Landpack GmbH, hat für die „Ökologische Isolierverpackung“, die er entwickelte, vor allem den Onlinehandel untersucht. 179 Händler versenden Lebensmittel online und verwenden bisher zum Isolieren hauptsächlich Polystyrolschaum, also keinen nachhaltigen Stoff.

Das von ihm zum Einsatz gebrachte Stroh wächst schnell nach - etwa 10 Mio. Tonnen jährlich -, hat perfekte Isoliereigenschaften und ist problemlos zu entsorgen. Für die Verwendung als Polster- und Isolierstoff wurde die erforderliche Prozess- und Herstellungstechnik entwickelt sowie eine ansprechende Versandverpackung, abgestimmt auf die Einzelverpackungen, konzipiert und getestet. Inzwischen ist der neue Stoff in jeder Hinsicht wettbewerbsfähig und erhielt 2016 einen Preis beim Deutschen Verpackungswettbewerb.

Digital Business – easy to talk and hard to do

13. Gipfeltreffen der Branche in Berlin
Dr. Christian Lüdtke
Quelle: Deutscher Verpackungskongress
Der letzte Themenblock wurde eingeleitet von Dr. Christian Lüdtke, Gründer und GF der etventure GmbH, mit „Digitize or die“. Er warnte am Anfang seiner Ausführungen davor zu glauben, der digitale Wandel müsse nicht alle Branchen betreffen oder man könne abwarten, bis der Wettbewerber etwas unternimmt. Digitale Giganten und agile Start-ups halten sich nicht an althergebrachte Regeln, und sie sind vor allem schnell. Abwarten kann bedeuten, den Anschluss zu verpassen. Wichtig ist, dass das Top Management die Möglichkeiten erkennt und nutzt. Man sollte sich Unterstützung holen, um eine funktionierende Roadmap für die Digitalisierung zu erarbeiten und umzusetzen.
13. Gipfeltreffen der Branche in Berlin
Nikolaus Wolfram (links), Thomas Schulz (rechts)
Quelle: Deutscher Verpackungskongress
Nikolaus Wolfram, SVP Head of Innovation & Marketing, sowie Thomas Schulz, VP Global Marketing der Constantia Flexibles, sprachen gemeinsam über „Bringing packaging to life!“, d. h. sie plädierten dafür, die Verpackung bei der sich schnell entwickelnden Digitalisierung interaktiv zu nutzen, um sich von anderen abzuheben. Die von ihnen vorgestellte Constantia 1-Stop-Lösung prägt sich dem Konsumenten ein und hilft dem Unternehmen, mittels der App dringend benötigte Daten zu sammeln.
13. Gipfeltreffen der Branche in Berlin
Tobias Gunzenhauser
Quelle: Deutscher Verpackungskongress

Wie man durch eine optimale Verpackung und personalisiertes Marketing ein althergebrachtes Produkt erfolgreich neu erfindet, stellte Tobias Gunzenhauser, Mitgründer und GF der yamo AG, in seinem Beitrag „Das war schon immer so“ außerordentlich unterhaltsam vor.

In einem Selbstversuch entwickelten drei kinderlose Schweizer einen frisch schmeckenden Babybrei, der mittels Hochdruckpasteurisieren hergestellt wird und damit alle Vitamine, aber auch Farbe, Geschmack und Geruch behält.

Allerdings musste dafür eine Verpackung gefunden werden, die das Verfahren aushält, gut aussieht und recycelbar ist. Mittels Crowdfunding konnte für den langwierigen Entwicklungsprozess die Finanzierung gesichert werden. Nun hat sich auch dank Digitalisierung für die Produkte des Food Start-ups eine treue Fangemeinde gefunden.

13. Gipfeltreffen der Branche in Berlin
Thomas Reiner
Quelle: Deutscher Verpackungskongress
Als Fazit dieses erfolgreichen ersten Kongresstages fasste Thomas Reiner, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Verpackungsinstituts (dvi) und CEO von Berndt+Partner, drei Punkte zusammen, die für die Verpackungsbranche essentiell sind:
  • Das Thema Digitalisierung muss ernst genommen werden.
  • Die Bilanz der Verpackung insbesondere hinsichtlich Nachhaltigkeit ist durchaus positiv. Sie schützt mit dem eigenen geringen CO2-Fußabdruck Produkte mit einem großen ökologischen Fußabdruck.
  • Die Antworten von heute werden morgen nicht mehr ausreichen. Die Innovationstätigkeit muss weiter ausgebaut werden.

Zitat

„Was unsere heutige Zeit … ausmacht ist, dass wir in widersprüchlichen Zeiten leben. Es gibt ein hohes Maß an politischer Unsicherheit und Ergebnisoffenheit. Grundsätzliche Fragen, die wir eigentlich beantwortet glaubten, stellen sich wieder, wie zum Beispiel der Freihandel oder der politische Umgang miteinander.“

Michael Hüther

Von Dr. Monika Kaßmann

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