VR Titelstory 05/2019
Pharma | Kosmetika | Non-Food

An die Ecke gedacht

Andreas Tietz

Der Markt für Präsentations- und Luxusverpackungen wächst nicht nur, er verspricht auch besonders gute Margen. Die Firma Schlender in Hattingen will von diesem Trend profitieren und investierte kürzlich in neue Technik, um diese Nachfrage verstärkt zu bedienen. Dabei setzt das Unternehmen auf innovative Technologie des Herstellers Kolbus.

Boxline Schachteln
Scharfe Kanten, nahtloses Druckbild: Die mit der Boxline hergestellten Schachteln sind ein Hingucker
Quelle: Schlender

Die Zahlen sprechen für sich: Laut einer Prognose von Smithers Pira wird der Weltmarkt für Luxusverpackungen von 13,8 Milliarden US-Dollar im Jahr 2016 auf einen Gesamtwert von 15,9 Milliarden US-Dollar im Jahr 2022 anwachsen. Treiber dieses Wachstums sind vor allem der asiatische und der lateinamerikanische Raum. Aber auch in Europa boomen hochpreisige Verpackungen von Luxusgegenständen. Das Produktspektrum reicht dabei von edlen Konditoreiwaren über Gourmet-Speisen, Premium-Alkohol, Tabakwaren, Körperpflegeprodukte und Parfüms bis hin zu Kameras, Mobiltelefonen, Uhren und Juwelen. Zu Präsentationszwecken, beispielsweise im Vertrieb, werden solche Verpackungen ebenfalls gerne eingesetzt. Vielfach handelt es sich dabei um besonders aufwändige gearbeitete Schachteln und Boxen aus kaschierter oder durchgefärbter Pappe, die häufig mit Magnetverschlüssen ausgestattet werden.

Ein kleiner Schritt

Auch Ordner und Mappen bestehen in der Regel aus diesem Material. Sie sind eine Spezialität der Schlender GmbH & Co. KG., die vor allem für ihr Sortiment an hochwertigen Ringordnern bekannt ist, viele davon Sonderanfertigungen. Der Schritt vom Ringordner zur Pappschachtel ist dabei kürzer als man denkt und besteht im Grunde nur aus einem etwas anderen Zuschnitt des Pappe-Bogens. „Wir haben solche Schachteln auch schon früher angeboten“, erläutert Geschäftsführer Reiner Schlender, „Allerdings haben wir sie nicht selbst hergestellt, sondern zugekauft. Seit einigen Jahren verzeichnen wir nun einen stetigen Zuwachs bei den Schachteln, während das Geschäft mit den Ringordnern stagniert.“ Reiner Schlender und sein Sohn Roger sahen daher im Verpackungsbereich ein neues Standbein für ihr Unternehmen, das sie selbst als ein „Zwischending aus ,ich mach dir alles möglich‘ und Manufaktur“ charakterisieren. Wie schon bei den Ringordnern wollten sie ihren Kunden das Besondere bieten – etwas, das so kein anderer Anbieter im Programm hat. Auf einer Messe wurden sie schließlich fündig, und zwar am Stand des ostwestfälischen Maschinenbauers Kolbus. Das modulare Kolbus-Boxline-System ermöglicht das Schneiden, Nuten und Stanzen der Feinpappbögen sowie das Aufrichten der fertigen Schachteln. Das spezielle Nut-Verfahren von Kolbus, bei dem die Innenseite der Bögen V-förmig eingeschnitten wird, erzeugt scharfe, fugenlose Kanten mit präzise einstellbaren Winkeln.

Wie aus einem Guss

Kolbus Boxline
Mit der Kolbus Boxline baut sich Schlender erfolgreich ein neues Geschäftsfeld auf
Quelle: Andreas Tietz

Was den beiden technikbegeisterten Schlenders aber darüber hinaus sofort ins Auge fiel, war die gestalterische Dimension dieser Technik: „Anders als beim herkömmlichen Verfahren, bei dem die Schachtel erst aufgerichtet und dann eingeschlagen wird, können wir mit der Kolbus-Anlage Bögen verarbeiten, die bereits kaschiert oder sogar geprägt sind“, erläutert Reiner Schlender. Dadurch konnten die Schlenders nicht nur ihr bestehendes Kaschier-Equipment weiter nutzen: „Das Einschlagen erzeugt immer Überlappungen und lässt sich an der aufgerichteten Schachtel kaum über die Auflage hinweg präzise wiederholen. Das macht es unmöglich, über Eck laufende Grafiken oder Verläufe unterbrechungsfrei darzustellen“, sagt Roger Schlender. Ganz anders beim Kaschieren vorab: Hier kann das Druckbild exakt auf den Zuschnitt abgestimmt werden. Das Ergebnis sind Schachteln, die wie aus einem Guss wirken. „Das verlangt natürlich äußerste Präzision beim Druck und Zuschnitt. Deswegen haben wir uns für eine Kolbus-Anlage mit den für uns notwendigen Modulen entschieden“, so Roger Schlender. Dazu gehören eine Pappen-Kreisschere PK 170, eine Nutschneidemaschine NM 101 und eine Handnutschneideplatte für die Musterfertigung. Die PK 170 übernimmt dabei den präzisen und winkelgenauen Zuschnitt der Pappen und ermöglicht auch exakt parallele Trennschnitte mit optimaler Schnittqualität. Im Mittelpunkt aber steht die NM 101: Anstatt von außen, wie dies herkömmlich zum Beispiel bei Buchdeckenautomaten geschieht, wird hier auf der Innenseite des Kartons eine V-förmige Nut geschnitten, je nach gewünschtem Klappwinkel. Der Nutschnitt lässt dabei nur ein Minimum der äußeren Pappschicht stehen. Anders als das sonst gängige Fräsen ist dieses Verfahren zudem staubfrei. Die Bögen laufen in der Maschine von Riemen sicher geführt um einen Zentralzylinder und werden an Messern mit den V-förmig angeordneten Klingen vorbeigeführt. Diese Messer sitzen auf Querbalken und lassen sich leicht sowohl positionieren als auch in der Schnitttiefe verstellen, und zwar bis auf 0,1 mm genau. Präzise Nutwinkel von 90 bis 130 Grad sind damit möglich bei einer Produktionsgeschwindigkeit von bis zu 65 Bögen pro Minute. Der Formatwechsel geschieht automatisch und werkzeuglos.

Ein besonderes Angebot

Präsentationsbox Kolbus
Präsentationsbox für einen Pharmakunden, komplett samt Inlay gefertigt und konfektioniert
Quelle: Schlender

„Eigentlich ist so eine leistungsfähige Anlage für uns in der jetzigen Situation überdimensioniert“, räumt Reiner Schlender ein, „aber es gibt derzeit nichts Vergleichbares auf dem Markt.“ Mit einem Seitenblick auf einen Handhabungsroboter in der Produktionshalle verrät er lächelnd, das man bei Schlender gerne mal „irrational“ investiert ­– zumindest nach landläufiger Meinung. Wenn es das Budget hergibt, experimentieren Vater und Sohn begeistert mit neuen Technologien und loten ihre Möglichkeiten für den eigenen Betrieb aus, implementieren oder verwerfen sie anschließend. Digitaldruck für Kleinauflagen ist hier längst Standard, und auch der Roboter hat sich inzwischen durchaus als wertvoller, rastloser Mitarbeiter an Wochenenden und in der Nacht erwiesen. Auch die Kolbus-Anlage, da ist sich Reiner Schlender sicher, wird bald ihr Geld wieder hereinbringen: „Wir rennen dem Markt nicht hinterher, sondern wir verschaffen uns mit diesem besonderen Angebot einen Wettbewerbsvorteil. Mit dieser hoch automatisierten Maschine sind wir flexibel genug, um individuelle, kreative Verpackungen in Kleinserien ebenso wie auch Großaufträge zu stemmen.“ Das Konzept ist seit dem Start der Produktion Anfang 2018 aufgegangen: Die Kunden nutzen die neuen gestalterischen Möglichkeiten gerne, und die Stückzahlen der verkauften Buchboxen, Klappboxen und Boxen mit Stülpdeckel sind erheblich gestiegen. Längst produziert Schlender – auch hier zeigt sich die Experimentierfreudigkeit – nicht allein die Schachteln, sondern auch die Inlays selbst. Sie werden entweder aus Pappe oder Schaumstoff auf einem Schneidplotter produziert oder auf einem 3D-Drucker hergestellt. Als weitere Besonderheit lassen sich die Boxen auch online bestellen – den Schlender-Webshop hat IT-Spezialist Roger Schlender selbst programmiert.

Die Firma Kolbus in Rahden wurde 1775 gegründet und mit Maschinen für die industrielle Buchbindung weltberühmt. Aus der Buchdeckenfertigung entwickelte man hier eine neue Produktionsmethode für Luxusverpackungen aus Papier, Karton und Pappe. Sie besteht aus  gekoppelten Maschinenmodulen für unterschiedlichste Produktionsanforderungen.

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